TEXTE

ZUR SERIE "KAMMERFLIMMERN" VON EVA WALKER
DIEGO GISPERT

Kaum ein Symbol findet so oft Verwendung wie das Herz. Es steht für Empathie, Emotion und Liebe, also für alles, was uns Mensch werden lässt, uns Identität gibt. Damit ist es Sinnbild für unsere Subjektivität, welche uns vom leblosen Gegenstand unterscheidet.
Betrachten wir medizinische Darstellungen des pumpenden Muskels, nähern wir uns diesen respektvoll und sehen sie als etwas höchst Objektives an. Bildgebende Verfahren wie Magnetresonanz- oder Computertomographie geben das Herz detailgetreu wieder und scheinen damit zu genauen Abbildern der Wirklichkeit zu werden. Ihre Abbildfunktion wird selten hinterfragt. Die von ihnen vermittelte Realität wird meist als unverkennbar wirklich akzeptiert.
In ihrer Werkserie Kammerflimmern beleuchtet Eva Walker die vermeintliche Objektivität medizinisch-technischer Darstellungen. Sie geht damit auch der Frage nach, ob Wirklichkeit durch diese aufgezeigt, oder durch das reproduktive Verfahren erst beschlossen und behauptet wird. Exemplarisch dafür referiert sie jene Darstellungen des Herzens, dessen Bildtradition eine besonders lange und abwechslungsreiche ist, und überführt sie ins Abstrakte.

Das Motiv als solches ist in der Serie am deutlichsten zu erkennen in Kammerflimmern (2). Wir erkennen die linke Seite des Herzens, nach unten rechts spitz zulaufend, wie es für anatomische Herz-Vorderansichten typisch ist. In seiner Farblosigkeit erinnert die Bleistiftzeichnung dabei an MR-Aufnahmen. Anders als jene starren Schichtbilder wirkt Walkers Herz auf den Betrachter jedoch lebendig. Wir sehen es förmlich schlagen. Dies geschieht durch das Zusammenspiel der feinen Linienführung und nuancierten Hell-Dunkel Kontraste, welche eine starke Dynamik und Dreidimensionalität erzeugen. Gleichzeitig wird das Auge über die Oberfläche gelenkt und zugleich hineingezogen. Auf diese Weise wird erreicht, dass der Blick des Rezipienten an die Zeichnung gebunden und so zur Beschäftigung mit dem Motiv herausgefordert wird.

Während ein wissenschaftliches Abbild dem Betrachter ein scheinbar feststehendes Faktum präsentiert, wird hier die eigene, subjektive Wahrnehmung angesprochen.
Einen weiteren Hinweis auf das wissenschaftliche Sujet lässt sich in den horizontalen Strichen im Hintergrund der Zeichnung erkennen. So sind Darstellungen in medizinischen Atlanten oft mit Hinweispfeilen versehen, welche genauere Auskunft zu Bilddetails geben. Der Blick des Lesers wird dabei auf den relevanten, vorgegebenen Ausschnitt gelenkt. Bei Kammerflimmern (2) läuft der Hinweis jedoch nicht nur ins Leere, er verschwindet gar unter dem abstrakten Herz. Damit negiert die Künstlerin jegliche Zuschreibung und befreit das Motiv von voreiliger Unterweisung.

Weiterhin dient in medizinischer Literatur oft die Kolorierung dem Verständnis des jeweiligen Bildes. Wie bei den Hinweispfeilen wird dabei eine Vorauswahl für den Betrachter getroffen, ein bestimmter Teil des Bildes wird in den Fokus gerückt. Den skalierten Farben kommt dabei jeweils eine bestimmte, kulturell festgelegte Bedeutung zu. Keiner würde auf die Idee kommen, bei der Abbildung eines Venensystems den roten Teil als Vene und den blauen als Arterie zu interpretierten. Eva Walker hinterfragt diese spezifische Normierung, indem sie ihre Herzen frei von tradierten Werten koloriert. So leuchten starke Neonfarben in Kammerflimmern (3), überstrahlen den restlichen Bildraum und weisen somit auf die Aussage- und Manipulationskraft von Kolorit hin.

Es steht außer Frage, dass heutige bildgebende Verfahren der Medizin mit ihrer Präzision einen großen Dienst erweisen. Durch den Einblick in den menschlichen Körper können Ärzte nun differenziertere Diagnosen stellen und effizienter behandeln. Die hohe Beweiskraft, die damit von solch einem Bild ausgeht, die scheinbar objektive Faktizität, die es vermittelt, trägt damit aber auch immer die Gefahr in sich, die Auffassung und Interpretation des Betrachtenden stärker zu beeinflussen als es dienlich wäre. So muss man sich bewusst machen, dass durch eine technische Aufnahme nie eine vollkommene Wiedergabe des Gegenstandes, nie ein objektives Abbilden der Wirklichkeit erfolgen kann. Immer unterliegt sie bestimmten, vom Menschen ausgewählten, Voreinstellungen und Kriterien. Damit ist sie ebenso subjektiv behaftet wie eine künstlerische Darstellung.
Durch ihre abstrakte Wiedergabe dieser vermeintlichen Wirklichkeitsabbilder erläutert Eva Walker, dass Objektivität nicht mit Wissenschaft gleichzusetzen ist. Vielmehr bietet sie eine alternative Wirklichkeitserfahrung und veranschaulicht Realität, ohne sie direkt wiederzugeben.

Mit dem gewählten Medium der Zeichnung reagiert Walker sowohl auf eine Verklärung der Technik, als auch auf den Vorwurf, dass alles Subjektive, vom Menschen Geschaffene, weniger wert ist, weil weniger wirklich. Dadurch appelliert sie zum Querdenken in unserer Wertegesellschaft, in welcher das Naturwissenschaftliche dominiert und klar von den Kultur- und Geisteswissenschaften sowie der Kunst abgetrennt wird. Dabei kann gerade das Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst den Erkenntnisgewinn fördern und den wissenschaftlichen Denkraum interdisziplinär öffnen. Dass die Grenzen zwischen den Disziplinen bestenfalls fließend verlaufen, ist schon dem Titel der Werkserie zu entnehmen. Der Bildraum, die Kammer, hilft, gesetzte Grenzen aufzulösen; Farbe und Form lassen unsere Imagination flimmern und weiterschweifen.

Diego Gispert, Kunsthistoriker
April 2015, Halle (Saale)

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ZU DEN SERIEN "KAMMERFLIMMERN" UND "VERMESSUNG"
VON EVA WALKER

MARINA GEITZ

Eva Walker befragt in ihrer Arbeit die vermeintliche Objektivität medizinischer Bilder. Die Situation ist bekannt: Nach einem Unfall findet man sich in einem MRT-Gerät wieder, dessen bildgebendes Verfahren Aufschluss über das innenliegende Ungewisse geben soll. Das Resultat, welches das komplexe Gerät als visuelle Formation ausgibt, wird von einem Spezialisten gedeutet, dessen Blick eigens für das Lesen solcher Bilder geschult wurde. Den Bildern wird höchste Seriosität zugesprochen; sie gelten als Garant einer objektiv-wissenschaftlichen und damit "richtigen" Diagnose. Diese Verfahren der medizinischen Wissensproduktion sowie die Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Glauben an das Gerät hinterfragt Eva Walker in der Serie "Kammerflimmern". Sie lässt sich von medizinischen Bildern des Herzens inspirieren, greift Fragmente der dort abgebildeten Formen und Farben auf und erweitert diese zu freien Bildkonstruktionen und -kompositionen.

In der Serie "Vermessung" untersucht sie die menschliche Bilderproduktion des Herzens mit einem historischen Blick: In den Radierungen kombiniert sie die Skizzen von Herzamuletten aus dem alten Ägypten mit Fragmenten von gezeichneten Herzdarstellungen, wie sie in medizinischen Herzatlanten der Gegenwart zu finden sind. Die Korrelation der beiden zeitlich weit entfernten Darstellungen verschränkt zwei unterschiedliche Abbildungstraditionen. Mit der Wiederaufnahme gewisser Bildelemente innerhalb der Serie referiert sie darauf, wie Wissen durch Wiederholung verfestigt, aber auch wieder verworfen wird.

Marina Geitz, Kunstwissenschaftlerin
Februar 2015, Konstanz

(Auszug aus: "Mit Herz und Hirn, von Menschen und Maschinen", anl. der Ausstellung "beziehungsweisen. Junge Kunst aus Leipzig." 2015)

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INTERVIEW VON PETRA MATTHEIS MIT EVA WALKER
http://wunderwesten.de/eva-walker.html Januar 2014, Leipzig